Notwasserung

Flug 3107 - in 10 Tagen um die Welt

In der Nacht erreichten uns mehrere Notsignale. Schließlich verschwand das Flugzeug unweit Guatemala vom Radar. Kapitän „Mister Robinson“ meldete zuletzt, dass er eine Notwasserung einleiten würde. Bis dato fehlt aber jede Spur des Flugs „JuLa 3107“ … lesen Sie Tag 2 der Lagerstory!

Reise ins Unbekannte und ein schreckliches Ende

Mein Mund und mein Hals brannten. Auf der Zunge hatte ich einen unerträglichen Salzgeschmack. Alle meine Glieder schmerzten. In meinen Ohren rauschte und brauste es. Ich wollte meine Augen öffnen aber ich war zu erschöpft. Langsam, sehr langsam dämmerte es mir und ich begriff was passiert war und dass die Katastrophe kein Albtraum sondern Realität war:

Auf unserem Flug nach Guatemala bin ich nach wenigen Stunden voller Erschöpfung eingeschlafen. Die Stimmung an Bord war bis dahin hervorragend gewesen, unser Kapitän schaute das ein oder andere Mal nach uns. Ich durfte ihn sogar im Cockpit besuchen und er zeigte mit all die Gerätschaften und Funktionen im Cockpit, absolutes Highlight für mich, war dass ich selbst an das Steuer sitzen und den Frachter kurzzeitig steuern durfte. Neben dem Kapitän Robinson verstand ich mich ganz besonders gut mit Mario und Kosta. Kosta erzählte mir viel von seiner Familie in Griechenland die er nur 4 Monate im Jahr sähe, die restliche Zeit sei er mit dem Frachtflugzeug unterwegs, er zeigte mir ein Foto von seiner Frau Anastasia und seine Kindern Angelos der 9 Jahre alt war und Eva 12 Jahre. Mario war 19 und hatte seit dem Sommer sein Abitur in der Tasche und wollte die Welt kennen lernen, er war ein sehr kreativer und intelligenter Kopf, ich verstand mich auf Anhieb sehr gut mit ihm und wir fanden viel, was wir gemeinsam hatten.

Das Beladen der Frachtmaschine und die vielen neuen Eindrücken mussten mich so geplättet haben, dass ich sehr schnell und tief einschlief. Doch plötzlich war ich wieder hellwach, zum guten Glück war ich bereits angeschnallt, denn sonst wäre ich nach dem Aufwachen durch die Gegend geflogen. Es rumpelte und polterte, völlig verdutzt stellte ich fest, dass Kosta, Bogdan und Helmut nicht auf ihren Sitzen waren. Mario beruhigte mich in dem er mich aufklärte und sagte dass sie im Frachtraum seien, die Ladung besser zu sichern. Derweil klärte er mich auf dass wir in Turbulenzen aufgrund starker Gewitter, Regenfälle und Seitenwinde gekommen waren. Mario teilte mir mit, dass Mr. Robinson eine Durchsage mit unserem derzeitigen Standort gemacht hatte: Circa 800 km südlich der Bermudas und knapp 700 km vor der Küste der Dominikanischen Republik.

Plötzlich wurden die Turbulenzen stärker, es ging noch mehr auf und ab, wir mussten in einen in diesen Breitengraden typischen Tropensturm gekommen sein … Ruckartig bekam das Flugzeug einen seltsamen Stoß und alles Lose wirbelte um uns herum, irgendetwas im Maschinenraum musste explodiert sein. Sofort griffen Mario und ich zu den Sauerstoffmasken die von der Decke fielen, wir bekamen kaum Luft weil der Druck unglaublich abfiel. Unser Co-Pilot Señor Ricardo Cruz eilte zu uns nach hinten um nach uns zu sehen, ihm war glaube ich der Ernst der Lage bewusst. In seinem Gesicht war die Wucht des Windes erkennbar, dementsprechend stark musste er sich festhalten. Er verschwand schnell wieder im Cockpit, beim Öffnen der Cockpit-Tür blinkte alles Rot und es waren aus allen Bereichen des Flugzeugs Warnsignale zu hören. Wir spürten wie unsere Geschwindigkeit und Höhe sank offenbar mussten die Triebwerke ausgefallen sein. Als ich mich traute und zum Fenster hinaus sah, sah ich das Meer bedrohlich nahe kommen. Ebenfalls sah ich wie sich Bleche auf dem linken Flügel lösten, langsam aber sicher wurde mir bewusst, dass dies, das Ende bedeutete. Es folgte die letzte Durchsage von Mr. Robinson: „Bitte ziehen Sie die Rettungswesten an, ich habe keine Kontrolle mehr über die Maschine, da die Sicherheitssysteme ausgefallen sind. Bereiten Sie sich auf eine Notwasserung vor – Gott segne Sie, Ihr Kapitän!“

Es war hoffnungslos, wir würden alle sterben. Der linke Flügel begann in der Mitte zu brechen, man konnte beobachten wie der äußere Teil sich immer weiter nach oben bog. Mit einem lauten Knall stürzte unser Flugzeug in die Wellen. Sofort waren unsere Räume mit Wasser gefüllt, ich konnte mich gerade noch abschnallen um in den oberen 60 Zentimetern Luft zum atmen zu bekommen, ich hatte Angst zu ertrinken da der Wasserspiegel stetig stieg. Lautes Knarren und Knatschen war zu hören plötzlich wurde unweit von mir das Flugzeug entzwei gerissen. Meine Rettungsweste trieb mich nach oben und ich sah das Ausmaß der Katastrophe. Überall waren Flugzeugteile verteilt, Flammen standen überall und hohe Wellen peitschten auf mich ein. Ich wurde wie ein Spielball von den Wellen hin und her geworfen, ich spuckte Salzwasser, meine Augen brannten. Kaum wollte ich einen Gedanken fassen, schwappte eine Welle über mich und warf meinen Körper gegen einen Felsen – Ich versuchte mich daran festzuhalten. Wo war ich? Ich spürte meine Kräften schwinden. „Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben!“ Vergeblich versuchte ich, Kontrolle über meine Hände zu behalten. Erneut schlug eine Woge über mir zusammen. Ich schluckte Wasser. Ich rang nach Luft. Ich wurde losgerissen … und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich wie in anderen Sphären. Vor meinen Lidern wirbelten bunte Sterne. Das Einzige was ich wahrnahm, war der feste Boden unter mir. Wieder drehte sich alles in meinem Kopf. Erneut schwanden mir die Sinne.

Als ich wieder aufwachte wurde mir klar, was passiert war: Nach dem Absturz war ich auf mehr als glückliche Weise an Land gespült worden. Ich versuchte mich zu orientieren: Rechts und links von mir war Strand – teils felsig, teils sandig. Hinter mir war hügeliges Land – üppig und in einer Art bewachsen, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Welche Tiere mochten sich hier verbergen? Vergeblich versuchte ich mich in dem Stimmengewirr zurechtzufinden. Es gurrte, es schnatterte, es kreischte … Das fremdartige Getier bot mir ein wahrhaft exotisches Konzert. Mit Angst und schaudern dachte ich an Krokodile, Riesenschlangen und Raubkatzen.

Ein anderer Gedanke machte mir noch größere Angst: Wo waren die Anderen vom Flugzeug? Bogdan, Mario, Kapitän Robinson, Señor Ricardo Cruz, Helmut, Kosta und Olaf? War ich etwa der einzige Überlebende? Ich wollte laut rufen. Doch meine im Dschungel verborgenen Feinde ließen mich vorsichtshalber schweigen. Ich musste mich so bedeckt wie möglich halten. Ich musste mir ein Versteck suchen. Ich musste mich orientieren, wenn ich nicht sterben wollte. Ich musste überleben! Ich erhob mich schwerfällig um festzustellen wo ich mich befinde! Kaum war ich auf wackeligen Beinen über einige Felsen geklettert um eine besser Aussicht zu haben, blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen …

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